Existenzanalyse 1/2017

ORIGINALARBEIT

ANTHROPOLOGISCH-PHILOSOPHISCHE GRUNDANNAHMEN VON LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE – EIN VERGLEICH
CLAUDIA REITINGER

Es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich die Existenzanalyse philosophisch gesehen von der Logotherapie entfernt hat. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich aus philosophischer Perspektive, um zwei unterschiedliche Theorien handelt, da die Grundannahmen beider Richtungen stark divergieren und sich die Bedeutung der zentralen Begriffe verändert hat. Die Logotherapie beruht auf einer metaphysischen Theorie, die ihren Ursprung in einer transzendenten Größe hat und anhand derer sich die Anthropologie Frankls erschließt. Hier wurzelt die Objektivität von Sinn und Wert, an denen sich der Mensch final orientieren soll und das als geistige Person auch will. Längle gibt diese metaphysische Begründung auf und entwickelt eine Anthropologie, bei der das Wertfühlen und das subjektive Erleben am Beginn stehen und sich ein Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens einstellt, wenn der Mensch in Übereinstimmung mit seinen Werten und der Außenwelt lebt. 

Stichwörter: Anthropologie, Philosophie, Sinn, Person, Freiheit, Finalität 

MARTIN BUBERS PHILOSOPHIE DES DIALOGS UND DIE EXISTENZANALYSE 1
SIMON ZANGERLE

In der Arbeit werden Einblicke in die philosophische Anthropologie Martin Bubers eröffnet. Im Zentrum steht dabei eine Rekonstruktion und Interpretation des dialogischen und monologischen Prinzips. Die dialogische Beziehung hat bei Buber eine Existenz stiftende Bedeutung. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Existenzanalyse als einer dialogisch fundierten Methode. In der dialogischen Beziehung kommt der Andere in eine Gegenwart, in der sich die Person aktualisiert. Im Monolog wird der Andere objektiviert und verdinglicht. 
1Ein Auszug der Abschlussarbeit für die fachspezifische Ausbildung in Existenzanalyse. 

Schlüsselwörter: Buber, Dialog, Person, Existenz, Begegnung

SCHULEN-DISKURS

ICH BIN ES WERT, DASS DU BEI MIR BLEIBST. 
Der Einfluss von erfüllter Existenz und Bindung auf die Eifersucht in romantischen Beziehungen
RENÉ GRUBER

Mithilfe von Fragebögen wurde bei 572 Personen im Alter von 16 bis 72 Jahren untersucht, ob und wie sehr Erfüllung in der Existenz (im Sinne der Existenzanalyse) eine protektive Wirkung auf Eifersuchtserleben und -verhalten hat, welche Rolle der individuelle Bindungsstil und der Bindungsstil der PartnerInnen spielen und welchen Einfluss Beziehungsfaktoren ausüben.

Es zeigte sich, dass eine Verbesserung der existentiellen Erfüllung zu einer Verringerung der Kränkung bei den meisten eifersuchtsauslösenden Situationen, zu größerem Vertrauen in den Partner und zu geringerer Eifersucht führt. Existentielle Erfüllung kann daher als ein protektiver Faktor für Eifersuchtserleben und -verhalten angesehen werden.

Bindungstheoretisch zeigten sich jene Menschen, deren Bindungsstil auf einem positiven Selbstmodell basiert, weniger durch potenzielle Eifersuchtsauslöser kränkbar und weniger eifersüchtig als jene mit negativem Selbstmodell. Ein positives Selbstmodell verringert folglich die Eifersucht.

Mögliche Implikationen für die Psychotherapie der Eifersucht werden diskutiert.

Schlüsselwörter: Eifersucht, Existenzanalyse, existentielle Erfüllung, Bindung

PERSON-ZENTRIERT
Zur Personierung der Existenz – eine „Außensicht“1
ALFRIED LÄNGLE

Der Schlüssel zur Existenz wird in der Existenzanalyse und dem Personzentrierten Ansatz in der Aktivierung der Person gesehen. Es liegt nahe, dass ein Vorgehen, das die Ressourcen der Person anspricht und zu mobilisieren versucht, als grundlegend für viele Psychotherapien angesehen werden kann. – Es werden die dynamischen Grund-Aktivitäten der Person beleuchtet (sehend – integrierend – begegnend), dann die Voraussetzungen der Ich-Bildung beschrieben (Beachtung – Empathie – Stellungnahme). Im Wechselspiel mit dem Ich kann die Person aktuell und in der Existenz wirksam werden. Im Tiefsten schwingt die Person jedoch in einer spirituellen Tiefe mit dem Sein und dem Leben – um dann dank des Ichs zu einem inneren Gegenüber zu werden. – Eine Aktivierung der Person kann nur erfolgen, wenn sie an diesen Eigenschaften der Person und dem Wechselspiel mit dem Ich ansetzt. – So kann der Mensch über das Person-Sein zum Wesen des Lebens gelangen: zur Seins-Berührung, in der der personale Sinn der Existenz aufgeht.

1Der Beitrag basiert auf einem Artikel von Längle A (2014) Die Aktualisierung der Person. Existenzanalytische Beiträge zur Personierung der Existenz. In: Existenzanalyse 31, 2, 16–26 und wurde in überarbeiteter und gekürzter Form in der Zeitschrift PERSON 2016, Vol. 20, No. 1, 1–8 veröffentlicht. 

Schlüsselwörter: Person, Ressourcen, Existenz, Aktualisierung, Spiritualität

PERSONZENTRIERTE ANMERKUNGEN1
Zum Personbegriff anlässlich des Artikels von Alfried Längle Person-Zentriert: Zur Personierung der Existenz – eine ‚Außensicht‘

PETER F. SCHMID

Anlässlich des Artikels von Längle in der PERSON 20(1) werden einige Unterschiede zwischen den Personbegriffen im PCA und in der Personalen Existenzanalyse kurz beleuchtet, wobei auch auf die wissenschaftstheoretische Problematik solcher Vergleiche eingegangen wird.

1Dieser Beitrag von P. Schmid einschließlich der Antwort von A. Längle wurde erstmals in der Zeitschrift PERSON 2016, Vol. 20, No. 2, 111–117 veröffentlicht.

Schlüsselwörter: Person, personale Beziehung, Dialog, Ich, Ethik.


HUMANISTISCH-EXISTENZIELLE PERSPEKTIVEN DER ZWANGSSTÖRUNG
Existenzanalyse, Psychodrama und Personzentrierte Psychotherapie im Dialog
THOMAS HERZOG

Der vorliegende Beitrag beabsichtigt, die psychotherapeutischen Konzepte verschiedener humanistisch-existenzieller Ansätze miteinander in einen Dialog zu bringen. Ausgehend vom konkreten Erscheinungsbild der Zwangserkrankung werden aus dem Blickwinkel der Existenzanalyse, des Psychodramas sowie der Personzentrierten Psychotherapie das jeweils spezifische Störungsverständnis und therapeutische Vorgehen dargestellt und schließlich in einer Zusammenschau diskutiert. Ziel dabei ist es, die den drei Ansätzen innewohnenden Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten im Sinne der wechselseitigen Befruchtung sichtbar und damit einem weiterführenden Diskurs zugänglich zu machen.

Schlüsselwörter: Existenzanalyse, Humanistische Psychotherapie, Personzentrierte Psychotherapie, Psychodrama, Schulen-Dialog, Zwangsstörung


VON DER BEDEUTUNG VON ZIELEN IN DER EXISTENZANALYSE UND VERHALTENSTHERAPIE: DER PATIENT, SEIN SYMPTOM UND SEIN THERAPEUT
INGO ZIRKS

In diesem Artikel wird die kognitive Verhaltenstherapie mit der Existenzanalyse in Bezug auf ihre Therapieziele verglichen. Es wird Bezug auf die historische Entwicklung beider Richtungen und deren anthropologischen Grundannahmen genommen. Während die Verhaltenstherapie eher lösungsorientiert ist, erscheint die Existenzanalyse verstehensorientiert. In der naturwissenschaftlich geprägten Verhaltenstherapie gibt es ein Primat der Methoden und Strategien, während die Existenzanalyse als existentiell-phänomenologisches Verfahren die personale Begegnung und die Potentiale der „Person“ als Spezifikum ihrer Richtung ansieht.

Schlüsselwörter: Kognitive Verhaltenstherapie, Existenzanalyse, Anthropologie, Therapieziele


ABHÄNGIGKEIT VON PSYCHOAKTIVEN SUBSTANZEN: ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN DER EXISTENZANALYSE IN DER REHABILITATION
IRINA EFIMOVA, IRINA ANDREEVA-CHADAEVA

Es werden Möglichkeiten gezeigt, wie die Existenzanalyse in der Rehabilitation drogenabhängiger Patienten bei stationärer und ambulanter Behandlung zur Anwendung kommen kann. Zudem werden Ressourcen der EA beschrieben, die für einen Psychologen, der einen von psychoaktiven Substanzen abhängigen Patienten begleitet, notwendig sind. 

Stichworte: Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen, Grundmotivationen, Wille, Grundwert, Selbstwert.

 

EMPIRISCHE UNTERSUCHUNGEN

DAS EXISTENZANALYTISCHE AUFSTELLUNGSBRETT
Einsatz eines neuen Arbeitsmaterials dargestellt anhand eines Fallbeispiels
ESTHER PURGINA

Angelehnt an das systemische Familienbrett wurde ein existenzanalytisches Aufstellungsbrett entwickelt. Diese Arbeit erklärt die theoretische Einbettung in das Konzept der Personalen Existenzanalyse (PEA) und in das Konzept der vier Grundmotivationen. Der Einsatz des neuen Arbeitsmaterials in der psychotherapeutischen Behandlung wird anhand eines Fallbeispiels dargestellt.

Schlüsselwörter: Existenzanalyse, existenzanalytisches Aufstellungsbrett, systemisches Denken

WIRKUNG VON RHYTHMUS UND KLANG AUF DIE PERSONALEN STRUKTUREN DER EXISTENZ
Eine empirische Studie zum subjektiven Erleben von strukturierten Musikimprovisationen
ULRIKE ZIERING

Das aktive Spielen von Trommelrhythmen und Klängen ermöglicht uns, Halt und Raum wahrzunehmen, Resonanz und Geborgenheit zu erleben und unsere Vitalität zu spüren. In einer empirischen Studie mit Klienten mit schweren psychischen Erkrankungen wurden die subjektiven Wirkungen einer Rhythmus- und einer Klangimprovisation verglichen. Es zeigte sich, dass sich musikalische Gruppenimprovisationen, besonders Rhythmus- Improvisationen, zur Stärkung von Grundvertrauen und Grundwert eignen. Die Wirkung scheint weitgehend unabhängig von psychischen Grunderkrankungen und der aktuellen Stimmungslage zu sein. 

Schlüsselwörter: Rhythmus, Klang, Musikimprovisation, Musikerleben, Grundmotivation

 

AUS ABSCHLUSSARBEITEN

DIE BEDEUTUNG VON „WAHRNEHMEN“ UND „WAHRGENOMMEN-WERDEN“ IN DER THERAPIE DER DEPRESSION1
ANDREA HERZOG

In einer musiktherapeutischen und existenzanalytischen Gruppe für depressive Patienten einer psychiatrischen Abteilung bekamen die Aspekte Wahrnehmen (1. GM) und Wahrgenommen-Werden einen wichtigeren Stellenwert als zunächst angenommen. Der wahrnehmende Blick auf sich selbst ist für viele Depressive etwas Neues und muss erst erarbeitet werden, bevor an einem differenzierten Fühlen von sich selbst gearbeitet werden kann (2.GM). Basale Wahrnehmungsübungen traten daher in den Vordergrund. Die diagnosespezifische Zusammensetzung der Gruppe holt die Patienten aus ihrem Rückzug und fördert durch die Kombination von Musik- und Psychotherapie die emotionale Schwingungsfähigkeit und den offenen Austausch über depressives Verhalten und mögliche Veränderungen.

1Grundlage dieses Beitrags ist die Abschlussarbeit zum Fachspezifikum in Existenzanalyse der Autorin mit demselben Titel.

Schlüsselwörter: Wahrnehmen, Wahrgenommen-Werden, Depression, Musiktherapie, Achtsamkeitsübungen

STRUKTURBEZOGENE PSYCHOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE
CHRISTINA BINDER

Der vorliegende Beitrag entstand aus meiner Abschlussarbeit und möchte die Entwicklungen von Gerd Rudolf anhand von ausgewählten Aspekten der Strukturbezogenen Psychotherapie beleuchten. Es soll ein Hinweis gegeben werden auf die augenfällige Nähe zur Existenzanalyse, aber auch auf Unterschiede, und dies in Bezug auf die Definition von Krankheit etwas deutlicher ausgeführt werden. 

Schlüsselwörter: Strukturbezogene Psychotherapie, Existenzanalyse, Struktur, Person, Grundmotivation


ABENTEUER GRUPPENPSYCHOTHERAPIE
Existenzanalytische Erfahrungen im klinischen Setting
MARIA E. RATHNER

Der vorliegende Artikel entstand aus meiner Abschlussarbeit und beschäftigt sich mit stationärer Kurzzeit-Gruppenpsychotherapie aus existenzanalytischer Sicht. Er beschreibt, wie auf Basis der Existenzanalyse verbunden mit Supervision, Selbsterfahrung und Literaturarbeit mit Gruppen psychotherapeutisch gearbeitet werden kann. 

Aufgrund von Setting, Erkrankungen und Gruppendynamik liegt der Arbeitsschwerpunkt auf der 1. Grundmotivation. Eine tragende und heilsame Atmosphäre ist Basis für Themen der 1., 2. und 3. Grundmotivation. Die Gewichtung ergibt sich aus Gruppenzusammensetzung und -dynamik. Dabei zeigen sich Beziehungsaufbau und Zuwendung zwischen Gruppenmitgliedern als grundlegende Wirkfaktoren. Ein heilsamer Gruppenprozess ermöglicht dabei Sinnerleben, ohne dass Themen der 4. Grundmotivation explizit erarbeitet werden müssen. 

Schlüsselwörter: existenzanalytische Kurzzeit-Gruppenpsychotherapie, Gruppendynamik, Grundmotivationen