Existenzanalyse 1/2025

Ausgabe 1/2025

Pathodizee statt Theodizee?

Kritische Anmerkungen zu Frankls Theodizee-Kritik

Werner Schüßler

Viktor E. Frankl ist bekanntlich der Überzeugung, dass seine Pathodizee die Theodizee ablöse. Der vorliegende Beitrag macht aber deutlich, dass Frankls Kritik der Theodizee, die er an dem Aspekt der Läuterung und demjenigen der Kontrastwirkung festmacht, die Sache überhaupt nicht trifft, da beide Aspekte in dieser Frage so gut wie keine Rolle spielen. Aber ohne Zweifel bedeutet die Pathodizee eine wichtige Ergänzung der Theodizee. Folglich kann es nicht heißen „Pathodizee statt Theodizee?“, sondern immer nur „Pathodizee und Theodizee“.

Schlüsselwörter: Theodizee, Pathodizee, Übel, Gott, Frankl

Existenzanalyse und Armutsforschung

Armutserfahrungen als existenzielles Leiden verstehen und deuten

Helmut P. Gaisbauer

Mit dem folgenden Beitrag möchte ich einen Dialog zwischen Existenzanalyse und Armutsforschung anstoßen. Zuerst wird ein gemeinsames Verständnis von Begriff, Messung und Verbreitung von Armut und sozialer Ausgrenzung erarbeitet. Dabei zeigt sich, dass ‚Armut‘ auch als existenzielles Phänomen ernst zu nehmen ist. In einem zweiten Schritt werden armutsbedingte Leiderfahrungen anhand des existenzanalytischen Verständnisses von Krise und Leid strukturiert und in diesem Rahmen existenziell gedeutet. Im Ergebnis zeigt sich, dass Armut als zerstörerisch erlebter, umfassender Existenzverlust zu verstehen ist. Dabei kann demonstriert werden, wie die existenzanalytische Theorie samt ihrer Begrifflichkeit deutlich vertieftere und differenzierte Einsichten in die leidvollen Erfahrungen von Armutsbetroffenen erlaubt und der fortgesetzte Dialog zwischen beiden Feldern weitere wichtige Einsichten verspricht.

Schlüsselwörter: Armut, soziale Ausgrenzung, Armutserfahrungen/subjektive Armut, Leid, Existenzverlust, existenzielle Eintrittsstellen von Armut, Typologie der Formen von Leid

Magic Moments in der Psychotherapie

Günter Schiepek

Dieser Beitrag möchte verdeutlichen, dass Magic Moments in der Psychotherapie einen offenen Dialog brauchen und diesen auch intensivieren können. Allerdings sind Magic Moments im Leben von Patient*innen nicht nur auf Therapiesitzungen beschränkt und können auch im Alltagsleben auftreten. Wir können eine Analogie herstellen zwischen den spontanen Musterwechseln in selbstorganisierenden Prozessen und den Magic Moments, die ja meist zu eben solchen Muster- oder Ordnungsübergängen führen bzw. im Zusammenhang mit solchen stehen – sonst wären es ja nur schöne Momente, die aber konsequenzenlos blieben. Solche Momente und Übergänge können nicht erzwungen oder herbei-interveniert werden, sie treten spontan auf. Allerdings beschreibt die Existenzanalyse mit den personal-existenziellen Grundmotivationen (A. Längle) im Strukturmodell Bedingungen, die für die Möglichkeit des Eintretens von Ordnungsübergängen und Magic Moments förderlich sind. Sie haben Ähnlichkeiten zu den „generischen Prinzipien“, die aus der Perspektive der Synergetik für erfolgreiche Therapien und Selbstorganisationsprozesse beschrieben wurden. Die generischen Prinzipien werden dargestellt, ebenso ein Verfahren des Prozessmonitorings und –Feedbacks (Synergetisches Navigationssystem), das Magic Moments in Form von Musterübergängen in Psychotherapien sichtbar macht. Es kann zur Darstellung von Prozessen und Effekten genutzt werden, unterstützt darüber hinaus aber auch den Veränderungsprozess und die therapeutische Beziehung.

Keywords: Magic Moments, Muster- und Ordnungsübergänge, Psychotherapieprozess, Existenzanalyse, generische Prinzipien, Synergetisches Navigationssystem

Magic Moments –
Präsenz und Rhythmus in der Psychotherapie

Oder: Warum wir Psychotherapie mit einer Jamsession vergleichen können

Markus Angermayr

Präsenzeffekte in der Therapie sind zwischenleibliche Phänomene. Sie sind verbunden mit einem Rhythmuswechsel und verdichten atmosphärisch den Prozess in allen grundmotivationalen Ebenen. Dies zeigt sich sowohl in Momenten der Synchronisation als auch im Nichtgelingen derselben. Um Präsenzerleben zu ermöglichen, braucht es ein Einklammern (Epoché) des hermeneutischen Interesses, das „seinlassende“ Zuhören und ein Sich-Öffnen für das körperliche Fühlen und Spüren. Aus dem Gesamteindruck entfaltet sich ein Verständnis für das Wesentliche. Psychotherapie unterstützt dadurch das Wiederaufnehmen – ähnlich dem situationalen Einschwingen und Improvisieren in einer Jamsession – der vitalisierenden Rhythmen. Anhand einer Fallvignette werden Phänomene des polyrhythmischen Prozessgeschehens in den Blick genommen.

Schlüsselwörter: Präsenz, Polyrhythmus, Implizites Wissen, Improvisation, Zwischenleibliche Resonanz

„Ich habe einen Platz bei Ihnen!“1

Peter Geißler

Dieser Artikel beschreibt die tiefgehende therapeutische Arbeit mit einer Patientin, die unter schwerwiegenden Dysregulationen in ihren grundlegenden körperlichen und emotionalen Rhythmen, sowie einer eingeschränkten emotionalen Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit litt, die durch eine religiöse Prägung verstärkt wurde. Der Therapieprozess erstreckte sich über zehn Jahre und beinhaltete einen Wechsel von rein verbalen Ansätzen hin zu körperorientierter Psychotherapie. Wesentliche Erkenntnisse ergaben sich durch nonverbale Interaktionen, dem Herstellen und Wiederherstellen von Kontakt, sowie durch „magische Momente“ die sich ereigneten und eine tiefere emotionale Verbindung ermöglichten. Ein bedeutender Fortschritt zeigte sich in der therapeutischen Beziehung, durch welche Regression und damit verbundene emotionale Öffnung und Integration möglich wurden. Im Verlauf der Therapie entwickelte die Patientin einen inneren reflexiven Raum, gewann an Lebendigkeit und konnte schließlich wesentliche Teile ihrer belastenden Grundüberzeugungen hinterfragen und transformieren.

Schlüsselwörter: Körperpsychotherapie, magische Momente, nonverbale Interaktion, offenes Setting, Regression

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