Existenzanalyse 2/2025

Ausgabe 2/2025

Selbst-Entschiedenheit als Grundlage der Existenz

Anthropologische Begründung des Existenziell-Phänomenologischen Paradigmas empirisch exemplifiziert

Silvia Längle, Angelika S Längle

Der vorliegende Artikel behandelt die Grundzüge der spezifisch aus der Existenzanalyse und ihrer Anthropologie entwickelten phänomenologisch-hermeneutischen Forschungsmethode. Im ersten Abschnitt ist das Anliegen, den wissenschaftstheoretischen Hintergrund und Inhalte dieses Forschungsvorgehens zu erläutern. Zentraler Gedanke dabei ist, dass Existenz nicht kausal festgelegt erfolgen kann, sondern durch Entscheidungen und Stellungnahmen individuell entsteht. Dieses selbstentschiedene mit sich, mit Anderen und dem Leben in jeder Situation umgehen, wird als Personale Seins-Beziehung bezeichnet. Es soll deutlich gemacht werden, dass es für ein Erfassen dieses Prozesses ein anderes als das naturwissenschaftliche Paradigma braucht, nämlich ein phänomenologisches.

Im zweiten Abschnitt wird das methodische Vorgehen basierend auf der phänomenologischen Erkenntnishaltung beschrieben, bei der Offenheit die Voraussetzung dieser Forschungsmethode ist. Abschließend werden die Schritte des Vorgehens und der Weg zum Erspüren des Phänomens dargestellt.

Schlüsselwörter: Existenz, Personale Seins-Beziehung, Phänomenologisch-Hermeneutische Forschung, Paradigmen (kausal-deterministisch vs. phänomenologisch-offen), Unvoreingenommenheit

Polarität –
Grundprinzip des Lebens und Bedingung
von Lebendigkeit

Emmanuel J. Bauer

Gegensätze bergen ein destruktives Potenzial in sich. Sie können das individuelle wie gesellschaftliche Leben belasten oder zerstören, zu unversöhnlichen Brüchen, zerrissenen Seelen, unüberwindlichen Polarisierungen und todbringenden Kriegen führen. Gegensätzlichkeit ist aber ursprünglich nicht primär ein Potenzial der Bedrohung, sondern der Lebendigkeit. Sie ist eine Grundkonstitution der Wirklichkeit und des Lebens als solches. Insbesondere ist konkretes menschliches Leben nicht denkbar ohne Polarität, es ist nicht lebendig ohne die konstruktive Spannung von gegensätzlichen Momenten. Ohne statische Kräfte verliert sich das Dynamisch-Aktive ins Formlose, ohne die kreative Kraft des Ursprünglichen friert die Aktivität in starrer Regelhaftigkeit ein. Personales Sein kann sich nur entfalten, wenn es von einem Ursprung in der Innerlichkeit des Menschen getragen ist und zugleich sich selbst auf das „Du“ hin transzendiert. Wo die dynamische Spannungseinheit fehlt, nicht durch die gegenläufige Kraft der Polarität ausbalanciert wird, geht die Lebendigkeit verloren. Die Polarität kippt in die tödliche Falle neutralisierenden Stillstands oder polarisierender Extreme. Das Faktum, dass Gegensätzlichkeit zur Grundstruktur des Lebens gehört, sollte schließlich anregen, manche psychische Störung anders zu verstehen und zu behandeln.

Schlüsselbegriffe: Gegensätzlichkeit, Lebendigkeit, Ursprünglichkeit, Innerlichkeit, Profil, Selbst-Transzendenz, Verantwortung

Wie Spannungen, Konflikte und Polarisierungen psychische Leidenszustände formen

Karin Matuszak-Luss

Im folgenden Artikel soll untersucht werden, wie die Eskalation von der Spannung über Konflikt bis hin zur Polarisierung den intrapsychischen und interpersonalen Dialog beeinflusst. Dabei wird geprüft, inwiefern die Bewusstmachung des Fließkontinuums Spannung-Konflikt-Polarisierungen zur Intensivierung der psychodynamischen Einengung bei psychischen Störungsbildern beiträgt. Abschließend wird erörtert, ob die Betrachtung dieses Kontinuums in der Existenzanalyse ein erweitertes Verständnis unterschiedlicher Krankheitscluster ermöglicht und sich daraus Konsequenzen für das existenzanalytisch-therapeutische Vorgehen ableiten lassen.

Schlüsselwörter: Spannung, Konflikt, Polarisierung, Psychodynamik bei zunehmender Polarisierung

Der unausweichliche Konflikt

Wie bestehen und bearbeiten?

Alfried Längle

Leben muss man nicht nur „be-sorgen“ und pflegen, sondern mitunter auch vertreten und verteidigen. Es ist umstellt von Gefahren und umgeben von Gegensätzlichkeiten, Widersprüchen, Begehrlichkeiten, Zielen, Vorstellungen, Absichten, von innen und außen.

Dieses Ausgesetzt-Sein hat seine Wurzeln schon im Sein selbst. Es beginnt mit einer antagonistischen Dynamik, die durch Dualitäten gegeben sind und geht über das Ausbilden von oppositionellen Polaritäten weiter. Inmitten von Diversitäten ist eine subjektive Abgrenzung erforderlich, für die man bisweilen kämpfen muss. Spannung und Kampf sind schon in der Art des Seins angelegt. Sie können sich zuspitzen und Dynamiken entwickeln bis hin zum Krieg.

Sich diesen Differenzen nicht zu stellen und Seines nicht zu vertreten, bedeutet Aufgeben des Eigenen. Das kann Lebensgrundlagen bedrohen. Sich ihnen aber zu stellen kann Beziehungen in Gefahr bringen, die ebenfalls wichtig für das Leben sind. Konflikt-Situationen gefährden beide Pole: Selbst-Verlust und Selbstverletzung einerseits stehen Beziehungsverlust und Verletzung anderer gegenüber. Es wird aufgezeigt, wie sich solche Zuspitzungen entwickeln können und wir ihnen prophylaktisch, beraterisch und therapeutisch begegnen können.

Stichwörter: Spannung, Kampf, Streit, Konflikt, Krieg

Konflikte

Ihre Bedeutung, ihr Stellenwert und ihr Verständnis im Horizont einer phänomenologisch-hermeneutischen Perspektive1

Christoph Kolbe

Menschliches Sein ist ontologisch in Polaritäten gestellt, die unauflösbar zum Menschsein gehören. Zu leben heißt deshalb, immer auch im Konflikt zu stehen. Es braucht also den Menschen, der fähig ist zu einer Syntheseleistung im Horizont von Konflikten und Mehrdeutigkeiten.

Zentrale polare Themen werden auf Basis der Daseinsstrukturen Zeitlichkeit, Räumlichkeit und Mitsein aus ontologischer Perspektive beschrieben. Hieraus ergibt sich ein Überblick, welche Bewegungen der Lebensausrichtung für den gelingenden Vollzug menschlicher Existenz in den Blick zu nehmen sind.

Diese Sichtweise kann die existenzielle Perspektive der Existenz-
analyse fundieren.

Schlüsselwörter: Konflikt, Daseinsstrukturen, Zeitlichkeit, Räumlichkeit, Mitsein, Hermeneutische Diagnostik, Phänomenologie

Demokratische Konfliktkultur und Persönlichkeit: Politische Ethik „existenziell“ gedacht

Marie-Luisa Frick

In offenen Gesellschaften/liberalen Demokratien sind Meinungs- und Interessenskonflikte sowie konkurrierende Wertorientierungen insofern „natürlich“, als die freie Entfaltung der Menschen, denen keine bestimmte Ideologie aufgezwungen wird, zusammen mit dem freien Fluss von Informationen und Austausch von Meinungen ihre wesentlichen Merkmale sind. Um solche Konflikte zu zähmen, wird Demokratien traditionell das Konzept des zivilisierten Diskurses oder der Zivilität („civility“) als Gegenmittel empfohlen. Respekt, aber auch Diskurstapferkeit und die Fähigkeiten der Perspektivenübernahme sind zentrale Tugenden, die eine demokratische Konfliktkultur fundamentieren. Doch um solche Tugenden auszubilden, reichen Appelle der Politischen Ethik alleine nicht aus. Vielmehr muss eine solche Ethik auch ihre Rechnung mit dem „Wirt“ bzw. dem konkreten Menschen machen. Es überrascht daher nicht, dass in zahlreichen aktuellen Forschungsbeiträgen zu den Grundlagen einer vitalen demokratischen Konfliktkultur sozial- bzw. moralpsychologische Einsichten einfließen.

SCHLÜSSELWÖRTER: Politische Ethik, Konflikt, Streitkultur, Demokratie, Ressentiment

Polarität und Zerrissenheit

Zur Phänomenologie und Psychopathologie der Ambivalenz

Thomas Fuchs1

Menschliche Triebe, Motive und Strebungen sind häufig polarer oder widersprüchlicher Natur – resultierend aus der Instinktarmut, Offenheit und Freiheit, die die psychische Organisation des Menschen charakterisiert. Die Integration gegensätzlicher Strebungen ist in konkreten Situationen die Aufgabe der Entscheidungsfindung, auf grundsätzlicher Ebene die Aufgabe einer integrierenden Entwicklung der Persönlichkeit.

Die erlebte Konfliktspannung kann in kreative Lösungen münden, was meist eine hinreichende Ambiguitätstoleranz voraussetzt. Die Integration kann aber auch misslingen, so dass quälende Entscheidungsneurosen oder Persönlichkeitsstörungen mit Schwankungen zwischen gegensätzlichen Selbstanteilen entstehen. Zerrissenheit bezeichnet die quälende Erfahrung der Selbstentzweiung, die aus solchen Konflikten resultieren kann. Diese Zusammenhänge werden anhand von literarischen und klinischen Beispielen untersucht.

Schlüsselwörter: Polarität – Zerrissenheit – Ambivalenz – Ambiguitätstoleranz – Entscheidung

The Chief Peril is Not a DSM Diagnosis
but The Polarized Mind1

Kirk J. Schneider

This article calls on organized psychiatry and psychology to wake up and address a major underappreciated discrepancy. This is the discrepancy between diagnostic nomenclature for therapy clients, and the nonpathologizing or even glorifying nomenclature for many throughout history, who are abusive, degrading, and massively destructive. While the former, typically clinical population, may be referred to as the “diagnosed” and the latter, typically nonclinical population, as the “undiagnosed,” I show how the compartmentalization of our current psychiatric diagnostic system prevents us from seeing the larger problems with mental health in our country and beyond, and that these problems require an alternative framework. Such a framework would address both that which we conventionally term “mental disorder” as well as the disorder of cultures, which so often forms the basis for that which we term mental disorders. I propose that the phenomenologically based framework that I call “the polarized mind” is one such alternative that might help us more equitably treat suffering, whether individual or collective.

Keywords: DSM, diagnosis, polarized mind, polarization, experiential democracy dialogue, psychiatry, psychology

Kirk Schneider and Alfried Längle in dialogue on differences and communalities of Existential-Humanistic Psychotherapy and Existential Analysis

Was im Schatten liegt…
Die dunklen Seiten der Psyche nach C.G. Jung

Lea-Sophie Richter

Schattenhaftes scheint in der heutigen Zeit allgegenwärtig zu sein. Es zeigt sich besonders häufig in Konflikten und verbalen oder bewaffneten Auseinandersetzungen. Dabei zeigt sich Verdrängtes, Verpöntes und Unmoralisches nicht nur im Äußeren, sondern auch im Inneren. Wie mit diesen inneren und äußeren Gegenspielern umgegangen werden kann und wie diese in das eigene Selbst(-konzept) eingebettet werden können, zeigt die analytische Psychologie nach C.G. Jung auf. Beispielhaft lassen sich ihre Konzepte zur Schattenintegration anhand des Gründungsmythos der Haudenosaunee aufzeigen, der für die momentane Weltlage wichtige Lösungsimpulse bereithält.

Schlüsselwörter: C.G. Jung, Schatten, Konflikt, Haudenosaunee, Peacemaker

Was ich dir sagen will –

Über den Einsatz von Konfrontation in der stationären Suchttherapie

Laura Wolfahrt, Joachim Bitsche, Elsbeth Kohler, Johannes Rauch

Konflikte und Spannungen innerhalb einer therapeutischen Gemeinschaft sind unvermeidbar – in der Therapiestation Carina in Feldkirch werden diese aufgegriffen, um die Beziehungsfähigkeit der Patient:innen zu schulen. Suchtkranke Patient:innen mit komorbiden Persönlichkeits- und Persönlichkeitsentwicklungsstörungen erlernen mit Hilfe einer streng strukturierten Form der Gruppentherapie einen konstruktiven Umgang mit Konflikten, der ihre fixierten Erlebens- und Verhaltensmuster als Ausgangspunkt nimmt, um ihre Selbstdistanzierungs- und Positionierungsfähigkeiten zu verbessern. Die Personale Existenzanalyse dient als Grundlage für den personalen Ausdruck inneren Erlebens, der dem Gegenüber zur Verfügung gestellt werden soll. Aber nicht nur der Ausdruck, auch die Annahme solcher Rückmeldung wird in der Hausgemeinschaftsgruppe der TS Carina eingeübt. Die Hintergründe für diese psychotherapeutische Praxis, die im existenzanalytischen Suchtverständnis und der tiefenpsychologischen Objektbeziehungstheorie, die ein Erklärungsmodell für die Entstehung fixierter Erlebens- und Verhaltensmuster liefert, liegen, werden beleuchtet, der genaue Ablauf beschrieben.

Schlüsselwörter: Konflikte, strukturierte Gruppentherapie, Persönlichkeitsstörungen, Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, Sucht

Auf der Suche nach dem inneren Kompass – Dialogischer Umgang mit Gegensätzen
in der Arbeitsintegration

Franziska Linder

Personen, die nach längerer krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren wollen, sind mit vielseitigen Herausforderungen konfrontiert. Oft entsteht eine Verunsicherung über die eigene Leistungsfähigkeit, andererseits kann auch eine unrealistische Wunschhaltung die Folge sein. Dazu kommen neben den weiterhin bestehenden gesundheitlichen Problemen häufig finanzielle und psychosoziale Schwierigkeiten sowie im Rahmen der institutionellen Arbeitsintegration die Vorgaben von Kostenträgern. Anhand von Fallbeispielen wird erörtert, wie Integrationsberaterinnen die Klient:innen in diesem Spannungsfeld zu Stellungnahmen und einem Entwicklungsprozess anregen können, der gleichzeitig an die Realität des Arbeitsmarktes angebunden ist.

Schlüsselwörter: Arbeitsintegration, berufliche Rehabilitation, Dialog, Personale Positionsfindung, Einstellungsänderung

„Bleibt alles anders“ (Grönemeyer 1998)

Vom Mündigwerden in polarisierten Zeiten

Irina Pendorf

Leben ist nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Heute, so scheint es, mehr denn je. Was bedeutet das für uns und unsere Kinder? Wie können wir sie aus Sicht der existenziellen Pädagogik im Umgang damit stärken? Auf welche Haltung kommt es dabei an?

Sicher scheint mir: Wer mit der Welt und sich selbst in Resonanz treten kann, ist eher in der Lage, die existenziellen Anfragen des Lebens als solche wahrzunehmen, zu verstehen und eine Antworthaltung darauf zu entwickeln. Resonanzfähigkeit wird also zur Voraussetzung eines mündigen Umgangs mit allem Lebendigen. Dieser Beitrag will sich der Idee einer Neuen Mündigkeit annähern, welche die personale Dimension explizit beinhaltet.

Schlüsselwörter: Neue Mündigkeit, Verbundenheit, Selbsttranszendenz, Resonanz, Antworthaltung

Die Affäre

Eva Maria Berger

Die Paartherapeutin Eva Maria Berger schildert am Beispiel eines Paares die Genesis einer Affäre und zeigt Möglichkeiten auf, diese in der Paartherapie zu bearbeiten. Es werden die Anteile beider Partner beleuchtet und es wird versucht, die belebenden Aspekte der Affäre in die bestehende Langzeitbeziehung zu integrieren. Dazu braucht es eine gewisse Offenheit des Betrogenen, um eigene Anteile wahrnehmen und trotz extremen Schmerzes wegen des Betrugs an dieser Beziehung festhalten zu wollen, als auch ein Verstehen der Affäre als Krise der Langzeitbeziehung auf Seiten des betrügenden Teils. Beide Partner müssen offen und bereit sein, gemeinsam an die Weiterentwicklung ihrer bestehenden Beziehung zu glauben und an ihr arbeiten zu wollen.

Schlüsselwörter: Affäre, Verliebtheit, Schmerz, Beziehungsarbeit

Wie polarisierende Erziehungsvorstellungen
zu Konflikten zwischen Elternteilen führen können

Nadine John

Heute haben Elternteile oft unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, die von ihnen als sehr gegensätzlich erlebt werden. Dies führt zu Konflikten, die häufig auf psychodynamischer Ebene ausgetragen werden. Damit Eltern einen personalen Umgang mit dieser Situation finden, ist es wichtig, dass sie sich ihrer Vorstellungen, was eine gute Erziehung ausmacht, bewusst werden, ihre wiederkehrenden Reaktionsmuster im Konflikt (Copingreaktionen) erkennen können und sowohl die eigenen erzieherischen Werte und Sorgen als auch die des anderen Elternteils verstehen lernen.

Schlüsselwörter: Existenzielle Pädagogik, Erziehung, Coping-reaktion, personale Kommunikation, Beratung von Eltern

Armutsforschung trifft Existenzanalyse!

Anfragen, Positionen, Widersprüche

Helmut P. Gaisbauer

Der Beitrag thematisiert Schnittstellen zwischen Armutsforschung und Existenzanalyse. Er zeigt, wie existenzanalytische Konzepte – insbesondere das Strukturmodell – Schritt für Schritt neue Perspektiven zur Deutung von Armutserfahrungen eröffnen. Anhand empirischer Beispiele werden Positionen formuliert und normative Spannungen beleuchtet, etwa in Bezug auf die Themen Schuld und Angst, die in beiden Disziplinen unterschiedliche Bewertung erfahren. Der Beitrag offenbart theoretische Synergien aber auch fruchtbare Spannungen. Er stellt außerdem die politisch-praktische Frage einer möglichen Verantwortung für ein Engagement zur Armutsbekämpfung in den Raum.

Schlüsselwörter: Armut, Armutsforschung, Strukturmodell, Forschungsheuristik, Zugang zu Psychotherapie, normative Bewertung, Widersprüche

Konfliktlösung im Paarbeziehungsraum:
Wege aus den Verstrickungen

Iris M. Bucher

Der Artikel bietet einen theoretischen und praxisnahen Einblick (Fallvignette) in die existenzanalytische Paartherapie. Im Zentrum steht der Paarbeziehungsraum (PBR) als eigenständiger Erfahrungs- und Entwicklungsraum zwischen zwei Menschen. Der therapeutische Prozess ermöglicht es Paaren, durch Begegnung, Dialog und persönliche Reifung Konflikte zu lösen und in eine tiefere Verbundenheit zu finden. Das erweiterte PEA-Modell bildet dabei die theoretische Grundlage.

Schlüsselwörter: Paarkonflikte, Paartherapie, Paarraum, Paarbeziehungsraum (PBR), Personale Existenzanalyse (PEA), Begegnung, Dialog

„Wir sind im Kampfe Tag und Nacht.“
Wider die heillose Ruhe

Gregoria Hötzer

Die Religionen haben dazu beigetragen, den Widerpart, mit dem es zu kämpfen gilt, zuerst im eigenen Inneren zu erkennen. Dabei geht es darum, für das Wertvolle Stellung zu beziehen und ihm Raum und Entfaltungsmöglichkeit zu verschaffen. Der innere Kampf ist unerlässliche Voraussetzung und ständiges Korrektiv, wenn es gilt, für Werte im Außen einzutreten. Die psychotherapeutische wie seelsorgliche Begleitung kann auch als Bemühen verstanden werden, in Menschen solchen Kampfgeist zu wecken und zu fördern, der unerlässlich ist für personales Wachsen und Reifen.

Schlüsselwörter: innerer und äußerer Kampf, Werte, frühmittelalterliches Mönchtum, Zen, Stellungnahme, Verantwortung

Esau und Jakob –
Ein intrauteriner Urkonflikt

Rupert Dinhobl

Der Konflikt zwischen Esau und Jakob, der schon intrauterin begonnen hat, ist legendär. Dabei geht es um Macht und Vorherrschaft. Der Konflikt ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich zeichne diesen Konflikt nach und beschreibe signifikante Stationen auf diesem Weg. Besonderes Augenmerk liegt auf dem nächtlichen Kampf des Jakob mit Gott. Dort muss er sich seinen Ängsten, Verdrängungen, seinem Schatten stellen. Er geht aber als Verwandelter durch dieses „Tor des Todes“. Die darauffolgende Begegnung mit seinem Kontrahenten-Bruder Esau gelingt. Dennoch hat er trotz seiner Verwandlung noch einen langen existentiellen Weg vor sich. Es werden Bezüge zur Existenzanalyse wie zum „Tor des Todes“, zur PEA und dem Selbstbezug hergestellt.

Schlüsselwörter: Bibel, Spiritualität, Angst, Selbstbezug, PEA

Hoffnung als innere Haltung

Was christliche Spiritualität und Existenzanalyse voneinander lernen können

Alexandra Madl

Sowohl die Existenzanalyse als auch die christliche Spiritualität betrachten die Hoffnung als wichtige innere Haltung für ein erfülltes, glückliches Leben. Dabei zeigen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede aufgrund des genuin anderen Zugangs. Beide Weltanschauungen können vom jeweils anderen Ausgangspunkt lernen und den eigenen Blickwinkel erweitern, wenn sie die dafür nötige Offenheit mitbringen.

Schlüsselwörter: Hoffnung, Spiritualität, Spannung, erfülltes Leben

Social Media, Smartphone & Co –
Pseudoresonanz statt echter Begegnung

Kinder und Jugendliche im Spannungsfeld
zwischen digitaler und analoger Welt

Josef Sporer

Das Resonanzphänomen eröffnet einen neuen Zugang zur digitalen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, indem es zentrale Fragen nach Beziehung, Verbundenheit und wechselseitiger Wahrnehmung beleuchtet. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Frage, wie sich das menschliche Bedürfnis nach Resonanz im digitalen Zeitalter zeigt – und welche Chancen, aber vor allem Risiken sich daraus für die psychosoziale Entwicklung junger Menschen ergeben. Während digitale Medien kurzfristige Rückmeldung und Teilhabe ermöglichen, fehlen oft leibliche Präsenz, echte Begegnung und dialogische Tiefe. Der Artikel beleuchtet diese Spannungsfelder theoriegeleitet und gibt konkrete Impulse für die Begleitung junger Menschen im digitalen Zeitalter.

Keywords: Resonanz, Begegnung, digitale Medien, Kinder und Jugendliche, psychosoziale Entwicklung

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