EA 02/2013 – Abstracts

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EA 02/2013 – Abstracts2017-11-24T02:05:00+00:00

Existenzanalyse 2/2013

Zeitschrift ExistenzanalyseEthisch gestimmt: Einleitung und Einstimmung ins Tagungsthema

Brigitte Heitger-Giger

Die Einführung in das Kongressthema wird anhand von Fragen, Gedanken und Bildern versucht. Was sind die wesentlichen Fragen, die sich uns als Mensch, der Erkenntnis verpflichtet, stellen? Wie lauten die ethischen Fragen? Oder: Welche Fragen stellen sich uns – und was zeichnet die Antworten als ethische aus? Und welche Bedeutung haben sie für unser Leben, unser Zusammenleben und unsere Zukunft?

Schlüsselwörter: Ethik, Person, Entwicklungsgeschichte

GRENZENLOSE FREIHEIT?
Zum Sinn von Normen

Annemarie Pieper

Du darfst nicht! Du sollst! Du musst! Einschränkungen der Freiheit durch Verbote und Vorschriften werden oft als unzulässige Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht empfunden. Andererseits hat die eigene Freiheit ihre Grenze an der Freiheit der anderen, die zu schützen Aufgabe von Normen (moralische Regeln, Gesetze) ist. Dass diese nicht zu Zwangsinstrumenten werden, setzt eine von allen Betroffenen akzeptierte Konsensfindungsstrategie voraus.

Schlüsselwörter: Freiheit, Gespräch, Moral, Verantwortung

Strafe getilgt – Schuld abgesessen!?
Zum schwierigen Weg von der öffentlichen Moral zur persönlichen Stellungnahme

Doris Fischer-Danzinger

Der Titel nimmt Bezug auf eine Sichtweise, mit der man als forensische Therapeutin häufig konfrontiert ist. Rein rechtlich ist die im Titel genannte Aussage richtig. Aus der Perspektive der Personalität und hinsichtlich einer Prävention ist aber eine Entwicklung hin zur Beziehungsaufnahme mit der eigenen Moralität und Gewissen vonnöten.

Nach einigen allgemeinen Reflexionen zu diesem Thema wird anhand eines konkreten Beispiels ein möglicher Weg „von der öffentlichen Moral (Gesetzgebung) zur persönlichen Stellungnahme“ gewiesen.

Schlüsselwörter: Forensik, Gewissen, Schuld, Selbstanteile

Wer sagt, was richtig ist?

Hans Ruh

Seit den 68er Jahren des letzten Jahrhunderts macht es den Anschein, dass legitime und weniger legitime Kinder der Aufklärung eine immer dominantere und einflussreichere Position besetzen: Autonomie, Pluralismus, Toleranz, Freiheit, Moderne sind Begriffe bzw. Werte, die dafür stehen.

Seit einiger Zeit zeigt sich aber, dass sich eine weltweite Strömung und Gegenbewegung aufbaut, welche fundamentalistisch, intolerant, exklusiv und zum Teil gewalttätig mit kompromisslosem Geltungsanspruch daherkommt, nicht zuletzt im Blick auf den vermeintlichen Besitz der alleinigen Wahrheit und des eindeutigen Wissens um das Richtige, aber auch aus Entsetzen über den Totalverlust der Moral der anderen Seite.

Die spannende Frage dabei ist nun die, ob es einer prinzipiell an der Aufklärung orientierten Position gelingt, verbindliche Aussagen über das Richtige zu machen und ob sich die fundamentalistische Seite dadurch imponieren lässt.

Die hier vertretene These geht dahin, dass dieses Unternehmen dann gelingt, wenn die Vertreter der Autonomie in freier Entscheidung und vernünftiger Einsicht diese Autonomie als Selbstbindung an eine Konzeption der Lebens- und Gesellschaftsgestaltung verstehen, welche die Bedürfnisse aller gedanklich einbezieht. Das Attraktive dabei: Das Richtige ist vernünftig denkbar. Das Problematische: Dies gilt für die gutwillige Denkebene, aber nicht für die gesellschaftliche Realität.

Wie rational ist die Ethik?
Die Bedeutung der integrierten Emotion für ethisch geleitetes Handeln

Christine Wicki-Distelkamp

Emotionalität und dem Umgang mit Emotionalem kommen eine wesentliche Bedeutung in ethisch geleiteten Findungs- und Entscheidungsprozessen zu. Das existenzanalytische Konzept der integrierten Emotion macht eine wesentliche Unterscheidung zwischen gut und richtig. Ein ausführliches Beispiel aus der psychotherapeutischen Praxis zeigt das Arbeiten mit der integrierten Emotion auf und versucht ihre Bedeutung für ethisch geleitete Findungs-, Begründungs-, Legitimations- und Entscheidungsprozesse deutlich zu machen.

Schlüsselwörter: Rationalität – Emotionalität, primäre Emotion, integrierte Emotion, Grundwert, Selbstwert

Sein oder Nicht-Sein: Unser gespaltenes Bewusstsein

Arno Gruen

Unser Bewusstsein ist von der Annahme gesteuert, dass es von Feinddenken bestimmt ist. Alle anderen Bewusstseinszustände werden deswegen als naiv eingestuft, als unrealistisch und schwächend. Dadurch werden empathische, dem Menschen zugewandte Wahrnehmungen unterdrückt und unser Bewusstsein wird auf abstrakte kognitive Ideen über das, was Realität ist, reduziert. Indem aber menschliche Beziehungen und Wahrnehmungen, die unser Wesen formen, durch Abstraktion geprägt sind, produziert unsere Zivilisation Menschen, die standardisiert sind. Wir haben Angst nicht mitzumachen, als Außenseiter zu gelten. Das Individuum löst sich dadurch in eine Funktion oder einem Statusideal auf (Goffmann: Wir spielen alle Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag). Indem wir uns jedoch für individualistisch halten, verwechseln wir die Konstruktion einer Persona mit der Entwicklung eines Selbst, das nur auf empathische Wahrnehmungen aufgebaut werden kann. So kommt das zustande, was der englische Dichter Edward Young im 17. Jahrhundert so formulierte: „Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien.“ Die Identifizierung des Ichs mit Äußerlichkeiten führt zu einem imaginären Sein. Das ist magisches Denken, das wir aber als Realität wahrnehmen. Das hat politische Konsequenzen, da wir dadurch auf Posieren und nicht auf aktuelles Verhalten bei der Wahl von politischen Führern orientiert werden. Es führt auch zu Gesellschaften, in der die Wahrnehmung der Mitmenschen von Machtdenken bestimmt wird und nicht von Mitgefühl, Empathie und Kooperation.
Wahrheit im Werden.

Zur geschichtlichen Fundierung ethischer Existenz

Helmut Dorra

Ethisches Handeln und Verhalten in der Begegnung und Gemeinschaft mit Menschen ist eingebunden in die zeitliche und geschichtliche Dimension unseres Daseins. Ethische Existenz ist geschichtlich. Durch die Geschichte erhält sie ihre inhaltliche Bestimmung.

Die Wahrheit ethischer Existenz ist darum eine geschichtlich sich vollziehende „Wahrheit auf dem Wege“ (Jaspers) und nicht schon in allgemein gültigen Gehalten, Grundsätzen und Geboten zu fassen. Sie erweist sich in existentieller Aneignung, im Innewerden und Engagement, wie im Erkennen des einmaligen und unverfügbaren Kairos, in dem die Weisen des Wahrseins je anders sich zeitigen.

Schlüsselbegriffe: Ethik (Diskursethik, Geschichtlichkeit, Kategorischer Imperativ, praktische Vernunft, Verantwortungsethik), existentielle Kommunikation, Kairos, Selbstwahl, Wahrheit

Das Böse

Rüdiger Safranski

Das Böse ist der Preis der Freiheit. Er ist abzugrenzen von Bösem, das aus Krankheit zum Bösen drängt. Vergnügen oder Lust am Bösen können als Selbstüberschreitung verstanden werden. Diese Möglichkeit zum Bösen entstammt der Freiheit, erhält jedoch durch die Selbstbindungskräfte der Moral ein ergänzendes Gegengewicht.

Stichworte: Ethik, Moral, Freiheit, Böse, Krankheit

Das Richtige spüren?
Authentizität und Gewissen

Alfried Längle

Einleitend wird versucht, das „Richtige“ über formale Kriterien zu bestimmen, danach anhand der Koordinaten des kulturanthropologischen Hintergrunds des jüdisch-christlichen Abendlandes. Dabei spielt der Unterschied zwischen dem aramäischen Begriff für Wort (memra) zum griechischen Logos eine große Rolle für das Verständnis des Richtigen (und der Person). Der Logos-Begriff rückt das Richtige näher an die Vernunft, während sich das Aramäische mehr im Bereich des Sprechens aufhielt.

Dieser Hintergrund bildet eine Brücke zum Verständnis des Wesens des Mensch-Seins und dem daraus ableitbaren personal Richtigen, das nun aus der phänomenologischen Sicht der Existenzanalyse reflektiert wird. Insbesondere ist dabei die Erscheinungsweise der Person in Form der (innerlich sprechenden) Stimmigkeit Thema, weil darin die Grundlage des moralischen Verhaltens anhand des Gewissens gesehen wird. Entsprechend dieser Erkenntnis werden der praktische Zugang und die Erlebnisweise beschrieben. Einem absoluten Anspruch nach Richtigkeit von Entscheidungen kann im Existenzvollzug jedoch nicht entsprochen werden. – Wie ein nicht verfremdeter, existentieller Lebensvollzug durch eine Verankerung im inneren, authentischen Eigenen vonstattengehen kann, soll ein Beispiel einer psychotherapeutischen Reflexion eines ethischen Dilemmas verdeutlichen.

Schlüsselwörter: Ethik, Gewissen, Logos, Moral, Person

Leiborientierter Zugang zur inneren Stimmigkeit
Ein Dialog mit existenzanalytischen und osteopathischen Prinzipien und deren psychotherapeutische Implikationen

Markus Angermayr, Liliane Strassl

Nach einer kurzen Einführung in die Körper-Leib-Problematik innerhalb der Anthropologie der EA geht es im Artikel um den körperleiborientierten Dialog, als Zugang zum Phänomen der „inneren Stimmigkeit“, welches als Quellgrund ethischer Haltung verstanden wird. Dabei werden Konzepte der Osteopathie (Gewebedialog) und der Existenzanalyse (eingefleischtes Selbst) vorgestellt.

Wir beschäftigen uns mit der Frage:

Wie kann, neben dem sprachlichen Ausdruck, ein Dialog der Hände, über zuhörendes Tasten und Berühren, die Verbindung zu dieser inneren Quelle unterstützen? Welche ethischen Implikationen hat ein leiborientiertes Vorgehen für die therapeutische Beziehung? Dabei wird eine zentrale Übung vorgestellt, die Bedingungen schafft, einen Erfahrungsraum eröffnet und eine Richtung anzeigt, woher eine Antwort kommen könnte.

Dies vertieft das eigene Spürbewusstsein, welches in einem wachsenden Vertrauen, in der Bedeutung der leiblich wahrgenommenen Erfahrungen, zum Ausdruck kommt. Durch die vertiefte phänomenologische Einbindung des körperleiblichen Erlebens können sich neue Freiheitsspielräume im therapeutischen Handeln entfalten.

Schlüsselwörter: Phänomenologie, Stimmigkeit, körperleiblicher Dialog, Leib, Körper, eingefleischtes Selbst

Warum sexuelle Handlungen innerhalb der psychotherapeutischen Beziehung toxisch sind

Godela von Kirchbach und Wilfried Peinhaupt

Die psychotherapeutische Behandlung findet im Rahmen eines Vertrages, der die Rechten und Pflichten beider Partien regelt. Dieser begründet das Vertrauen des Klienten, dass ihm gegen Bezahlung professionelle und uneigennützige Hilfe für seine Probleme gewährt wird. Wissenschaftlich ist es erwiesen, dass eine tragfähige und vertrauensvolle therapeutische Beziehung den wichtigsten Wirkfaktor in Psychotherapien darstellt. Diese ist jedoch asymmetrisch zugunsten des Therapeuten hinsichtlich Autorität und Macht, weswegen dieser die alleinige Verantwortung trägt. Dieses Machtgefälle ist insbesondere für männliche Therapeuten verführerisch. Die therapeutische Beziehung wird jedoch durch sexuelle Handlungen des Therapeuten zerstört, weil diese die Art der Beziehung grundlegend verändern und somit einen Vertragsbruch darstellen. Außerdem werden bei einem solchen Missbrauch häufig alte Traumata reaktualisiert, und das Leiden verschlimmert sich. Zusätzlich werden das Vertrauen der KlientIn in Psychotherapie insgesamt und das Vertrauensverhältnis zwischen Psychotherapeuten untereinander beschädigt. Dieses Geschehen wird unter existenzanalytischen, psychologischen, soziologischen und hirnphysiologischen Gesichtspunkten betrachtet.

Schlüsselwörter: Psychotherapeutische Beziehung, sexuelle Handlungen, Vertrauensverhältnis, Machtgefälle, Missbrauch.

Der Atem

Caroline Balogh

Der Atem ermöglicht uns, unseren Körper zu bewohnen, nahe an unseren Gefühlen zu sein und einen Raum zu eröffnen, in dem unsere Person sprechen kann. Der Atem ist die Schnittstelle zwischen Körper, Seele und Geist und kann alle drei Dimensionen des Menschen gleichzeitig bedienen, wir mit unserem Bewusstsein können nur nacheinander dort sein. Im Folgenden möchte ich das ausführen.

Schlüsselwörter: Atem, GM, Körper, Person

Psychotherapie – zwischen schlechtem Gewissen und Gelassenheit

Erika Luginbühl

Die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Auf den Psychotherapeutinnen und -therapeuten lastet viel Erfolgsdruck, und wenn die Genesung nur zögerlich fortschreitet, können sich Selbstzweifel und ein schlechtes Gewissen einstellen. In Anlehnung an die existenzanalytische Theorie sowie an konkrete Erfahrungen aus der Praxis soll aufgezeigt werden, wie dem schlechten Gewissen Gelassenheit entgegengehalten werden kann.

Schlüsselwörter: Ethik, Gewissen, Wesentliches

Der Kompass liegt innen.
Beitrag aus der ignatianischen Spiritualität zur Frage: Was ist richtig?

Rupert Dinhobl

Dieser Beitrag greift die experimentelle Methode der so genannten „Unterscheidung der Geister, dem Herzstück der Exerzitien des Ignatius von Loyola (1491 – 1556) auf und versucht sie für den psychotherapeutischen Alltag fruchtbar zu machen. Ignatius gibt in seinem Exerzitienbuch Anleitungen für eine gute Entscheidung auf die Frage, was richtig, was gut für mich ist. Auf existenzanalytische Entsprechungen wird besonderer Wert gelegt. Bibeltheologische Bemerkungen ergänzen den Beitrag.

Schlüsselwörter: Exerzitien (Ignatius), Entscheidung, Emotion (Unterscheidung der Geister), PEA

Was soll ich denn jetzt tun?
Herausforderungen einer guten Beratungsarbeit

Klaudia Gennermann

Menschen, die eine Beratung oder Therapie aufsuchen, sind vermutlich schon länger mit dieser Frage beschäftigt und auf der Suche nach einer zufrieden-stellenden Antwort gescheitert. Erschöpft und manchmal verzweifelt durch ihr bisher vergebliches Bemühen fordern einige Klienten direkte Ratschläge ein und übertragen so die Verantwortung für die „Problemlösung“ auf den Berater.

Die Herausforderung liegt darin, dieser drängenden Bitte des Klienten nicht nachzukommen, sich somit vermeintlich zu verweigern. Es gilt vielmehr die Verantwortung an den Klienten zurückzudelegieren, ohne seine Verzweiflung zu vertiefen oder gar seine Hoffnung auf Rat und Antwort zu enttäuschen.

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, welche Fähigkeiten den Berater bei dieser Aufgabe unterstützen können und in welchem Verhältnis sie zur Existenzanalyse stehen.

Schlüsselwörter: Beratung, Krise, Verantwortung, Existenzanalyse, Haltung, Staunen, Gelassenheit

Die Sehnsucht nach sinnvoller Arbeit

Corinne Lindt Zbinden

Sinn zu erleben in unserer täglichen Arbeit, das möchten wahrscheinlich die meisten Menschen. Welche Sinnerfahrungs- und Sinngebungsmöglichkeiten zeigen sich uns? Wie kann Sinn zum Zug kommen in einem beruflichen Umfeld, das sich von seiner widrigen Seite zeigt und das aber doch nicht einfach von einem Tag auf den anderen verlassen werden kann? „Sinn und Arbeit“ – was sagen Philosophen, spirituelle Führer, Unternehmensberater und was meint die Logotherapie dazu?

Schlüsselwörter: Sinnerleben bei der Arbeit, Spiritualität, Philosophie, Unternehmensberatung, Logotherapie, Aufspüren des eigenen Handlungsspielraums

Welcher Berater ist der Richtige?

Thomas Reichel

Der Bedarf an Coachings oder (Lebens-)Beratungen scheint stetig zuzunehmen. Sich dabei zu bestimmten Lebensfragen oder in beruflich orientierten Angelegenheiten beraten und begleiten zu lassen, ist mittlerweile „salonfähig“ geworden. Doch welcher Berater passt zu welchem Klienten? Worauf soll der Klient achten, wenn er sich einen Berater sucht? Was sollte gute Beratung ausmachen?

Dieser Workshop ist diesen Fragen nachgegangen und hat interessante Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Schlüsselwörter: Beratung, Persönlichkeit, Biografie, Empathie

Ethische Grundwerte von erfolgreichen Betrieben –
gut durch Wirtschaftskrisen und demografischen Umbruch steuern

Irene Kloimüller

Nachhaltige Betriebe sind von einer Ethik hoher Verantwortung gegenüber und für ihre MitarbeiterInnen, einer Vertrauenskultur, Glaubwürdigkeit ihrer Führung, Wertschätzung gegenüber ihren Mitgliedern aller Altersgruppen, Gerechtigkeit der Aufgabenverteilung und hohen Sinnbezug der Arbeit geprägt und getragen. Sie sichern damit Commitment und Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden und sind attraktive Arbeitgeber im „Kampf“ um die Besten am Arbeitsmarkt.

Schlüsselwörter: Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, demografischer Umbruch, Resilienz

Neuer Job – neue Identität?

Helene Drexler

In der Therapie zeigt sich immer wieder das Phänomen, dass Menschen, die nach außen selbstbewusst und gefestigt auftreten, ihre Einstellungen und Gewohnheiten ablegen, sobald sie in ein neues berufliches Umfeld kommen, also den Arbeitgeber wechseln. Innerhalb kurzer Zeit erfolgt eine starke Identifizierung mit der neuen Unternehmenskultur und damit die Übernahme ihrer Werte.

Später, nachdem die betreffenden Personen die Firma verlassen haben, beurteilen sie die Zeit in dem Unternehmen kritisch und beklagen, dass ihre eigenen Werte und Haltungen nicht genügend Raum gehabt haben – erstaunlicherweise wiederholt sich der Vorgang beim nächsten Arbeitgeber von Neuem.

In diesem Artikel soll der Frage auf den Grund gegangen werden, was aus existenzanalytisch-therapeutischer Sicht dafür ausschlaggebend ist: welche Persönlichkeitsmerkmale und Bedürfnisse dafür empfänglich machen und auch welche Unternehmensmerkmale besonders zur Identifikation motivieren, denn hier zeigen sich hinsichtlich der Beeinflussung der Arbeitnehmer deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Unternehmensphilosophien.

Darüber hinaus sollen Arbeitsschwerpunkte in der existenzanalytischen Therapie aufgezeigt werden, die eine Stärkung der betroffenen Personen bewirken können und es ihnen erleichtert, in diesem Spannungsfeld zwischen äußeren Vorgaben und inneren Überzeugungen zu bestehen.

Schlüsselwörter: Selbstwert, Authentizität, Außenorientierung, Erfolgsorientierung, Histrionische Persönlichkeit, Identifizierung, Personalpolitik

Zum Verhältnis von Psychotherapie und Pädagogik in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Roman Biberich

In der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen gelangen wir früher oder später an einen Punkt, an dem wir uns fragen oder angefragt werden, ob unser Handeln denn (noch) therapeutisch oder (schon) pädagogisch sei. Und weiterführend: Darf es sein, dass neben und in der Therapie auch Pädagogik stattfindet? Ist es überhaupt möglich und sinnvoll oder notwendig, Psychotherapie und Pädagogik zu trennen? Oder kann das eine ohne das andere nicht sein? Auf den folgenden Seiten wird das Verhältnis von Psychotherapie und Pädagogik betrachtet, wobei der Hauptfocus auf der Beleuchtung der einzelnen Begriffe liegt und nach Deckungsgleichheiten und Unterschieden Ausschau gehalten wird. Zwecks einer einheitlichen Ausgangsbasis für die weiteren Ausführungen werden zuerst Besonderheiten in der psychotherapeutischen Arbeit mit Minderjährigen sowie die zugrundeliegenden Annahmen das Menschenbild betreffend dargestellt. Es folgt eine Skizzierung der Begriffe Pädagogik und Psychotherapie, um im Anschluss eine Gegenüberstellung und abgeleitete Thesen zu präsentieren.

Schlüsselwörter: Bildung, Erziehung, Kinder und Jugendliche, Pädagogik, Psychotherapie

Das personal Richtige in der Schule – eine existentielle Herausforderung

Hans-Jürgen Strauch

In der Schule wird traditionell aus der Autorität des Systems gesagt, was das Richtige ist. Dieser Weg scheint an vielen Schulen nicht mehr zu tragen. Das zeigen die sich häufenden Probleme, wie Absenzen und Störungen in vielfältiger Form. Allerdings sind zunehmend Schulen erfolgreich, die SchülerInnen als dialogische Partner ernstnehmen, eine den anderen annehmende Haltung in der Auseinandersetzung bevorzugen und eine Kultur der Offenheit implementiert haben, in der eine lebendige Schule spürbar wird. In ihr sind die Werte der SchülerInnen eine Handlungsaufforderung für die, die den Lernprozess begleiten. So sehen die SchülerInnen in den Lernprozessen für sich selbst Entwicklungspotential mit transzendentaler Bedeutung.

Schlüsselwörter: Dialogische Beziehung, Lernprozess, Entwicklungspotential, Begleitung und Unterstützung

Der „Wille Gottes“ – Versuch einer Spurensuche

Werner Eichinger

Die Bibel und das Gewissen gelten oft als die primären Quellen für die Erkenntnis des „Willens Gottes“. Das ist aber nicht unproblematisch. Deshalb wird hier versucht, von den existentiellen Erfahrungen des Staunens und der Empörung auszugehen und diese existenzanalytisch als primäre Emotionen zu deuten. Das Gewissen kann dann als Ort begriffen werden, an dem sich ein die Situation und die Person transzendierender Wertbezug artikuliert, der kontrafaktisch auf „das Gute“ – oder eben den „Willen Gottes“ – vorgreift. Dieser ist dann nicht satzhaft, sondern prozesshaft zu begreifen.

Schlüsselwörter: Gewissen, Theologie, primäre Emotion

Versöhnung: Der Weg zur Friedenskonsolidierung in Afrika

Chudi Joseph IBEANU

In den vergangenen Jahren haben sich viele Regionen Afrikas in Kriegen sowie internen oder externen Konflikten verstrickt. Selbst jene, welche die Kriege überstehen, leben mit tief sitzendem Groll, Verbitterung, und Hass auf andere. Diese Besorgnis erregende Situation benötigt dringend Lösungskonzepte um etwas zu verhindern, das wir auch als kontinentalen Genozid bezeichnen könnten.

Mein Bemühen an dieser Stelle ist es, jene traditionell afrikanischen Versöhnungsmittel wieder zu entdecken, die bei allen aufrichtigen und sinnvollen Anstrengungen zur Friedenskonsolidierung in Afrika angewandt werden können. Ein solches traditionelles Mittel ist das von den Igbos in Südost Nigeria praktizierte “Igba ndu” Versöhnungsritual, welches seinen Höhepunkt findet im “oriko” Versöhnungsmahl. Das Wesen des “Igba ndu” Versöhnungsrituals ist die Wiederherstellung eines bereits zerrütteten Vertrauensverhältnisses um so den Beteiligten das Weiterleben ohne Angst noch Argwohn zu ermöglichen. Dies ist hilfreich um die Würde eines jeden Individuums wieder zu entdecken, als auch um sich dessen was wir im Grunde sind wieder gewahr zu werden: Eine Gemeinschaft menschlicher Personen!

Dieses Verständnis wurzelt bereits in jener afrikanischen Weltanschauung, in welcher sich die Afrikaner als „Gemeinschaft“ oder „Familie“ verstehen. Ausgedrückt wird es in der Afrikanischen Lebensphilosophie: „Ich bin, weil wir sind. Und je mehr wir sind, desto mehr ich bin.”

Die Zulus Südafrikas beschreiben dasselbe Verständnis folgendermaßen: „Umuntu ngumuntu ngabantu“ – die Person ist Person durch die anderen Personen.

Schlüsselwörter: Friedenskonsolidierung, Versöhnung, Beziehung, Gemeinschaft

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