Existenzanalyse 1/2019

Ausgabe 1/2019

EXISTENZANALYSE UND RESONANZ

Psychotherapie als Resonanzraum
KARIN STEINERT

Hartmut Rosa, Soziologe und Sozialphilosoph, hat 2016 eine umfassende Theorie vorgestellt, in der er Resonanz als Beziehungsgeschehen zwischen Subjekt und Welt beschreibt und als mögliche Lösung für die zunehmende Beschleunigung und Entfremdung in modernen Gesellschaften darstellt. Dabei zeigt sich, dass die anthropologischen Annahmen, auf denen er seine Theorie gründet, der Existenzanalyse sehr nahe stehen. Diese Parallelen werden im Artikel aufgezeigt und daran anschließend wird existenzanalytische Psychotherapie aus dem Blickwinkel eines „entgegenkommenden Resonanzraumes“ im Sinne von Rosa beschrieben, der verschiedenen Entfremdungserfahrungen entgegenwirken und Resonanzerleben bzw. Leben mit Zustimmung (wieder) möglich machen kann. In dieser Sichtweise des Menschen und seiner Weltbeziehung können sowohl die Resonanztheorie als auch die Existenzanalyse als gesellschaftskritische Positionen verstanden werden.
Schlüsselwörter: Beschleunigung, Entfremdung, Existenz-
analyse, Gesellschaft, Resonanz, Zustimmung

„WAS HAT MIR GEHOLFEN?“ – WIRKELEMENTE IM THERAPIEPROZESS AUS PATIENTEN-SICHT1

Ein Beitrag zur Psychotherapie-Prozessforschung
ASTRID GÖRTZ

Im vorliegenden Beitrag wird vorerst auf grundlegende Überlegungen zur Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie eingegangen. Im empirischen Hauptteil der Arbeit werden auf Basis von rückblickenden Gesprächen bzw. strukturierten Interviews die Wirkelemente von drei existenzanalytischen Psychotherapie-Prozessen bei unterschiedlichen Diagnosen mit Schwerpunkten in verschiedenen existentiellen Grundmotivationen analysiert. Ausgangspunkt ist die Patientinnen-Sicht, die auf induktivem Weg zu subjektiven Antworten auf die Fragen „Was hat sich durch die Therapie verändert?“ und „Was hat mir geholfen?“ gefasst wird. Eine hermeneutisch-phänomenologischen Analyse aus Therapeuten- bzw. Forscher-Perspektive verdichtet die Patientinnen-Aussage zu einer intersubjektiven Aussage hinsichtlich der Wirkelemente in der existenzanalytischen Psychotherapie. Die fallbezogenen Erkenntnisse werden bei zwei Patientinnen mit quantitativen Selbsteinschätzungen in Beziehung gesetzt.
Für das Verständnis der Therapie-Wirkungen werden als theoretischer Rahmen die existentiellen Grundmotivationen und die Personale Existenzanalyse herangezogen. Anhand dieser Fallvergleiche wird die therapeutische Arbeit mit der Personalen Existenzanalyse in Hinblick auf die klinischen Bilder theoretisch spezifiziert. Schließlich resultieren daraus allgemeine Überlegungen zu adäquaten Forschungszugängen in der qualitativen Einzelfall- bzw. Prozessforschung.
Schlüsselwörter: qualitative Einzelfall-Forschung, Prozess-Forschung, induktive Forschung, allgemeine Wirkfaktoren, Therapierückblick

DIE ETHISCHE RELEVANZ

PSYCHOTHERAPEUTISCHER PROZESSE
CRISTINA BACHER-RIEGER

In unserer abendländischen Tradition wurde spätestens seit der Aufklärung als ethisch wertvoll befunden, was der Prüfung der von der Vernunft getragenen Universalisierung standhielt. Dieses zunächst wertvolle Instrument der Emanzipation des Individuums erfolgte allerdings zulasten einer ethischen Geringschätzung alles Subjektiven. Durch die Aufhebung des Antagonismus zwischen Subjektivität und Objektivität und dem Verständnis einer Vernunft, in der der Subjektivität ein wichtiger Raum gewährt wird, soll ein Zugang zu einer Ethik ermöglicht werden, die dem Aufspüren der inneren Stimmigkeit in der ethischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und den eigenen Emotionen, wie es im existenzanalytischen Prozess geschieht, eine bedeutende Rolle beimisst.
SCHLÜSSELWÖRTER: Ethik, Objektivität, Subjektivität, Universalisierung, Emotion

LEBENDIG IM RAUM DER FREIHEIT UND DER BEZIEHUNG1

EMMANUEL J. BAUER

Was unterscheidet menschliches Leben vom bloßen Dahinvegetieren, vom fremdbestimmten oder anonymen Gelebt-Werden und vom sinnleeren Ausleben? Es sind viele Faktoren, die dem menschlichen Leben Lebendigkeit und Erfüllung verleihen können. Unverzichtbar für das Leben sind der Raum der Freiheit und des Geist-Seins sowie der Raum der personalen Beziehung. Ersterer eröffnet den Horizont der Selbst- und Welt-Gestaltung, letzterer überwindet die ängstliche oder narzisstische Ich-Einsamkeit und lässt die Person in ihrem eigentlichen Wesen erblühen. Ein wichtiger Schlüssel zum Leben ist für viele Menschen nicht zuletzt der intime „Raum Gottes“ im eigenen Herzen. Was bedeuten diese Räume und welcher existentiellen Pflege bedürfen sie, damit sie sich aufspannen und offenbleiben? Sie fordern vom Einzelnen unter anderem den Mut zur Entscheidung, Nähe zu sich selber, Spüren und Einhalten der Grenzen, innehaltendes Bei-sich-Sein, Innewerden des Du und Vertrauen.
Schlüsselwörter: personale Beziehung, existentieller Raum

IST EXISTENZANALYSE HEILSAM?

CHRISTIAN PROBST

In existenzanalytischer Psychotherapie geht es um die Aktivierung der Person in ihrer Lebenswirklichkeit. Dieser Zugang ist in seinem Grundkonzept heilsam. In der existenzanalytischen Anthropologie der Grundmotivationen und im Prozessmodell der PEA wird deutlich, welch heilsames Potential die Existenzanalyse bereithält. Im Vortrag wird aufgezeigt, worin das Heilsame in der Begegnung zwischen Therapeuten und Patienten in existenzanalytischer Psychotherapie erfahrbar wird.
Schlüsselwörter: Existenzanalyse, Psychotherapie, Heilsame Prozesse, Dialog, Person

HEILUNG ALS VERSÖHNUNG MIT DEM SEIN

Über die Anbindung des Menschen an den Ursprung
ALFRIED LÄNGLE

Damit Psychotherapie „Heilkunst“ sein kann, bedarf es mehr als Stabilisierung und Lernprozesse. Heilung bedeutet: wieder Ganz-Werden von Verletztem; Gestalt und Funktion sind wieder wie zuvor, ganzheitlich und nicht partikularisiert. Aus Sicht der Existenzanalyse spielt dabei der innere Dialog eine zentrale Rolle, damit der Mensch sich selbst sein und aus seinem Ursprung heraus leben kann. Diese Offenheit zu sich selbst ist nur möglich auf der Basis der personal-existentiellen Grundmotivationen. Das tiefere Erleben dieser Strukturen und der in ihnen gefassten Realität (wie Halt, Nähe, Wertschätzung und Wert in der Zukunft) hat eine heilsame Wirkung. Alle Strukturen sind von der Kraft des Lebens durchdrungen. Diese Verbindung wiederherzustellen wird als tiefster Punkt der Heilung angesehen: den eigenen Ursprung in sich wirken lassen können in seiner vierfältigen Weise ist wie eine Versöhnung mit dem Sein. Als Prozesse braucht es dafür Offenheit für den anderen und sich, Bezug zur eigenen Person, inklusive ihres Gewissens, Austarieren der Polaritäten und eine phänomenologische Haltung. Dabei ist das Finden der inneren Zustimmung, die aus diesen Erfahrungen aufkommt, der Schlüssel für ihre Fruchtbarmachung. Kurze Beispiele und ein Therapieausschnitt verdeutlichen das Dargelegte.
Schlüsselwörter: Heilung, Grundmotivationen, Offenheit, Phänomenologie, Lebenskraft

HEILSAMES IN DER BEGEGNUNG MIT DEM INNEREN KIND

HELENE DREXLER

Seit die Arbeit mit dem Inneren Kind durch Publikationen von John Bradshaw, Erika Chopich und Margaret Paul in den 1990er Jahren bekannt wurde, hat sie zunehmend Eingang in die therapeutische Arbeit gefunden. Auch in der Existenzanalyse, insbesondere in der biografischen Arbeit, erweist sie sich für den Heilungsprozess als hilfreich.
Im vorliegenden Artikel wird zu Beginn die wissenschaftliche Fundierung der Methode aufgrund neurobiologischer Erkenntnisse skizziert. Darauf aufbauend werden drei Imaginationsszenarien dargestellt und ihre Wirkungsweisen sowohl im Hinblick auf die existenzanalytische Anthropologie als auch anhand von Erfahrungsberichten analysiert.
Schlüsselwörter: Adjuvante Methode, Biografische Arbeit, Imagination, Inneres Kind

„WEIL ES SAGBAR IST…“

Wirkelemente in der Behandlung von Psychotraumata
RENATE BUKOVSKI

Die Biografie eines Menschen wird durch Eindrückliches, eben auch Entsetzliches, das geprägt und verletzt hat, und davon wie die Person dieses bewältigen kann, geschrieben. Hindern Traumatisierungen in den personal-existenziellen Grundmotivationen nachhaltig an einem gelingenden Existenzvollzug, versuchen wir in der Praxis die Auswirkungen dieser Erfahrungen zu lindern.
Welche Wirkelemente helfen traumatisierten Menschen, das Widerfahrene anzunehmen, zu verarbeiten und in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren? Methodische Überlegungen, praktische Erfahrungen aus der Psychotherapie und Rückmeldungen von Betroffenen beleuchten einige Möglichkeiten, Traumatisches zu befrieden und dabei Heilsames anzuregen.
Schlüsselwörter: Existenzanalytische Psychotraumatherapie, Heilsames, Trauma, Wirkelemente

WENN CHRONISCHE LEIDEN NICHT HEILBAR SIND

BARBARA JÖBSTL

Chronische Erkrankungen, insbesondere chronische Schmerzzustände können den Existenzvollzug der Person nachhaltig beeinträchtigen. Sie wirken sich auf die Daseinsbewältigung, die Lebensfreude und das Selbstverständnis bzw. den Selbstwert der Person aus, sodass ein sinnerfülltes Leben nicht mehr möglich ist.
Auf der Suche nach Linderung bzw. Heilung konsultieren PatientInnen häufig zahllose Spezialisten oder suchen Hilfe bei diversen Heilern und Heilsmethoden.
Gibt es Heilsames, wenn keine Heilung möglich ist?
In diesem Beitrag wird nach Darstellung der Auswirkungen chronischer Leiden auf den Existenzvollzug der Frage nachgegangen, wie der Arzt/ Psychotherapeut in jedem Fall heilsam wirken kann, auch wenn Heilung im Sinne von Genesung oder Linderung der Erkrankung selbst nicht möglich ist.
Schlüsselwörter: Chronische Erkrankung, Existenzvollzug, Grundmotivationen, heilsame Begegnung

VOM STAUNEN, LERNEN UND ERKUNDEN –

WIE PARSIFAL LERNTE, WIEDER FRAGEN ZU STELLEN
SUSANNE POINTNER

Eine zentrale Arbeit in Therapie und Beratung ist die Beeinflussung der Gefühlsregulation. Eine verflachte oder verschüttete Gefühlswelt blockiert den Lebensfluss, überschießende Affekte können zerstörerisch wirken, unverstandene oder übergangene Sehnsüchte verstellen die sinnvolle Lebensgestaltung. Dabei laufen wir als Helfende Gefahr, KlientInnen unbewusst in eine Haltung zu drängen, die mehr unseren unbewussten Normen als ihrem Verständnis von gutem Leben entspricht. Um die offene, phänomenologische Haltung einzuüben, ist es hilfreich, die eigenen Glaubenssätze und theoretischen Konstrukte immer wieder zu überprüfen und sich, wenn nötig, davon zu lösen.
Die Auseinandersetzung mit den inneren bewussten und unbewussten Vorgaben ist eines der Kernthemen der mittelalterlichen Parsifal-Geschichte. Anhand der Geschichte sollen Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen von therapeutischen Prozessen und von Beratungen aufgezeigt werden. Das Annehmen von Irrtümern und Fehlern ist die Grundlage für einen konstruktiven Umgang mit unerwünschten Nebenwirkungen in Psychotherapie und Beratung.
Schlüsselworte: Psychotherapiewirkung, schädliche Therapiewirkungen

DAS HEILSAME IN DER BEGEGNUNG

IST DIE BEZIEHUNG ZU SICH SELBST
SABINE PROBST

Jeder Mensch verfügt über Selbstheilungskräfte, die aktiviert werden, wenn Körper, Geist und Seele im Einklang sind. Die Voraussetzung hierfür ist, dass wir uns selbst so annehmen können, wie wir sind.
In meinem Vortrag werde ich die Parallelen zwischen den Grundmotivationen und den Chakren, den Energiezentren unseres Körpers, aufzeigen. Über die Energiezentren empfangen wir die geistigen Impulse und die Kraft, um unser Bewusstsein zu erweitern und die notwendigen Veränderungen, die unser Leben betreffen, vornehmen zu können.
Heilung in uns selbst findet statt, wenn wir keine Widerstände mehr in uns tragen, die sich dem Fluss unserer Lebensenergie in den Weg stellen.
Schlüsselwörter: Existenzanlayse, Heilung, Chakren,
Energie

DIE INNERE WEISHEIT DES KÖRPERS

VERONIKA UND JOHANN MONSCHEIN

Der vorliegende Artikel fasst Gedanken und Erfahrungen zum Workshop „Eh nur psychisch oder doch rein somatisch?“ des Herbstsymposiums 2018 zusammen und möchte dabei vermehrt die körperliche Ebene zur Sprache bringen und in den Dialog miteinbeziehen.
Schlüsselwörter: Körper, Shiatsu, Dialog
THE INNER WISDOM OF THE BODY

REINE LUST – UM GOTTES WILLEN

CHRISTIAN PROBST

Wenn wir uns dem Phänomen Lust im Alltag nähern wollen, stoßen wir schnell auf Verunsicherung und Ablehnung. Schon der Begriff „Lust“ weckt bei vielen Menschen Assoziationen zum Verderben, zur Sucht, zur Verführung und Versuchung, zur animalischen Kulturlosigkeit und zum Verlust der Würde des Menschen oder dem Verlust von Sinn und Werten, auf der Suche nach nicht enden wollender Gier nach Befriedigung.
Dennoch begegnet uns Lust im Alltag. Sie ist einfach da. Es gibt sie einfach. Wie sollen und wie wollen wir mit unserer Lust umgehen? Ist es gut, sie zu ignorieren, sie nur zu verweigern, sich ihr zu entziehen? Wohin führt uns eine solche Lebenshaltung?
Im Beitrag wird der Wert der Lust beziehungsweise des Lusterlebens für unser emotionales Wohlbefinden und unsere emotionale Gesundheit ebenso aufgezeigt, wie die Gefahren, die uns im Umgang mit der Lust begegnen.
Schlüsselwörter: Existenzanalyse, Lust, Wert, Depression, Sucht

EXISTENZANALYTISCHE PAARTHERAPIE –

EIN PRAXISBEISPIEL
SILVIA SCHMIDT

Existenzanalytische Paartherapie begleitet Paare mit dem Ziel, den personalen Dialog mit sich und dem Partner/der Partnerin neu zu entwickeln. Dafür ist es wesentlich, den negativen Beziehungstanz im Paargeschehen zu verstehen, den Paarzwischenraum zu schützen und dort jene Werte wieder erlebbar zu machen, die es dem Paar ermöglichen, in Begegnung zu gehen. In diesem Artikel werden die theoretische Grundlage, die Methode und ein Therapieverlauf anhand des Prozessmodells der Personalen Existenzanalyse dargestellt.
Schlüsselwörter: Paartherapie, Paarmythos, Grundmotivationen, Personale Existenzanalyse, Paardialog

DIE BEGEGNUNG MIT DEM EISERNEN HEINRICH.

EIN FALLBERICHT
EVA KOHLA

Beziehungsstörung zur Welt, zu anderen Menschen und zu sich selbst, depressives Mangelgefühl und Verbitterung prägen Heinrich bis ins Körperliche hinein. Anhand einer Fallstudie beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den komplexen Wirkfaktoren des liebevoll zugewandten Abholens und der beziehungsvollen therapeutischen Präsenz, die es Heinrich ermöglichte einzutreten, Platz zu nehmen und es geschehen konnte, dass sich in Heinrich etwas eröffnete.
Schlüsselwörter: Begegnung, Beziehung, Zugewandtheit, Depression, Verbitterungsstörung

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