Existenzanalyse 1/2020

Ausgabe 1/2020

BEGLEITUNG VON KLIENTEN BEI DER ERHOLUNG VON SCHÄDEL-HIRN-TRAUMEN

Ein existenzanalytischer Ansatz

Dieser Artikel untersucht einen existenzanalytischen (EA) Ansatz für die Begleitung im Rahmen der Erholung nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Die Arbeit beginnt mit einer selektiven Durchsicht der SHT Literatur. Dieser folgt eine Fallbeschreibung eines Patienten der in 48 Sitzungen beinahe 4 Jahre hindurch begleitet wurde. Der Fall dient der Fokussierung für eine Diskussion über existenzanalytische Begleitung und beleuchtet häufige Probleme welche im Laufe der Erholung auftreten können. Im Unterschied zu viel der bestehenden Literatur über Psychotherapie mit SHT Klienten, welche die Funktionseinschränkungen und psychopathologische Dimensionen beleuchten, richtet die existenzanalytische Begleitung ihre Aufmerksamkeit auf die Unterstützung des Klienten bei der Suche nach innerer Zustimmung durch einen personalen, phänomenologischen Prozess. Die Begleitung passt ziemlich gut mit dem Strukturmodells der Existenzanalyse zusammen. SHT Klienten stehen oft vor einer Herausforderung auf allen vier Grundmotivationen, und sie sind vor die Aufgabe gestellt ein gefühltes „Ja“ in Bezug zur Faktizität ihrer Situation, zum Leben selbst, zu sich selbst in ihrer Einzigartigkeit, und zu einer sinnvollen Zukunft zu finden. Ziel der Arbeit ist es, die Möglichkeit und Notwendigkeit eines existenzanalytischen Ansatzes bei der Begleitung als eine dringend erforderliche und oft unterlassene Dimension der SHT Genesung zu veranschaulichen.
Schlüsselwörter: Schädel-Hirn-Trauma, Begleitung, Rehabilitation, Fallstudie

MENSCHEN VERSTEHEN

Hinweise zur hermeneutischen Phänomenologie

HELMUT DORRA

Menschen verstehen ist das zentrale Anliegen und die Bemühung einer hermeneutischen Phänomenologie. Sie sucht den Einzelnen von seinem subjektiven Erleben her zu sehen und zu verstehen, wie es im Zusammenhang eines aktuellen Geschehens und der je eigenen Lebensgeschichte für ihn Bedeutung gewinnt und wie es sich ‚Hier und Heute‘ wirksam erweist. Eine hermeneutische Haltung steht unter dem Vorbehalt des Unverfügbaren, um damit dem Neuen, Unerwarteten, Einzigartigem und Einmaligen aufgeschlossen zu sein und frei zu werden für das Begegnende im Anderen, das sich unseren eigensinnigen Ansichten und Absichten versagt. Diese Grundhaltung der Gelassenheit ermöglicht ein Sehen-lassen und Sagen-lassen.
Einem hermeneutischen Bemühen ist daran gelegen, die Bedeutsamkeit des Gemeinten im geschichtlichen und lebensweltlichen Kontext des jemeinigen Menschen inhaltlich zu erfassen, was ihn bewegt und wozu er sich verhält. Was als das Bedeutsame und zugleich existentiell Bewegende verstanden wird, steht in Beziehung zu unserem Dasein in-der-Welt, die unsere Erlebens- und Verhaltensweisen als gemeinsamer Verstehenshorizont umgreift. Hier wird offenbar, auf welche Weise ein ontisch existentielles Verstehen im Wesen des Daseins selbst und seinen fundamentalen Strukturen ontologisch begründet ist.
Menschen verstehen. Mit diesem Leitmotiv und Anliegen möchte ich zu einer phänomenologischen Hermeneutik beitragen und auf einige Wegstationen der Phänomenologie hinweisen.
SCHLÜSSELWÖRTER: Phänomenologie, Hermeneutik, Verstehen

ETHIK IN LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE
JULIA WERNER
Existenzanalytisches Verständnis sieht personale Offenheit als Grundlage jeder professionellen Hilfe an. Reflektiertes Selbstverständnis ist Voraussetzung für eine gelingende Begegnung mit dem Gegenüber – sei es in Beratung, Begleitung oder Therapie. Zum Eigenen des Helfenden gehört auch dessen ethische Orientierung.
Der Artikel will zu einem aktualisierten und offenen Diskurs über ethische Positionen und deren Herleitung anregen.
SCHLÜSSELWÖRTER: Ethische Grundlagen, emotionaler Zugang zu Werten, rationale Begründung, moralische Pluralität, phänomenologische Haltung, reflektiertes ethisches Selbstverständnis

NEUE ENTWICKLUNGEN IN DER PSYCHOTHERAPIE1
ALFRIED LÄNGLE
Psychotherapie dient der Hilfestellung für die Menschen ihrer Zeit. Als solche ist sie naturgemäß in die aktuelle soziokulturelle Entwicklung eingebunden. Als wissenschaftliche Disziplin ist sie bestrebt, den Veränderungen an Bedürfnissen und Problemlagen der Zeit zu entsprechen. Die Arbeit wirft zuerst ein Licht auf den soziokulturellen Hintergrund mit ihren aktuellen Veränderungen, um dann die großen Entwicklungslinien der Psychotherapie der jüngeren Zeit aufzuzeigen. Ein zentraler Entwicklungsaspekt darin fokussiert das Streben des Menschen mehr sich selbst sein zu können, sein Leben persönlicher in seiner Freiheit zu leben. Dies setzt einen Kontrapunkt zur zunehmend digitalisierten und funktionalisierten Welt.
Stichworte: Soziologie, Psychotherapie, Kultur, Personsein

EXISTENZIELL-NARRATIVE TRAUMARBEIT (ENTA)
Die Wirkkraft von Träumen in der Existenzanalytischen Beratungspraxis
BEATRIX ALTHEN-SCHNIPPENKOETTER
Die Existenziell-Narrative Traumarbeit (ENTA) wurzelt in der Frankl‘schen Anthropologie. Entwickelt wurde sie von Susanne Jaeger-Gerlach, Leiterin des Berliner Instituts der Akademie für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE-D) auf der Grundlage der Logotherapie und der weiterentwickelten Existenzanalyse. Die ENTA unterscheidet sich von anderen Methoden der Traumbearbeitung durch gänzlichen Deutungsverzicht. Ihre besondere Wirkkraft liegt in ihrem personalen Traumverständnis. Mit ihrem phänomenologischen Blick für das Wesentliche schafft sie einen direkten Zugang zum inneren Erleben und dem geistig Unbewussten und fordert den Träumer/die Träumerin zur personalen Stellungnahme auf.
SCHLÜSSELWÖRTER: Anthropologie, Phänomenologie, Person, geistig Unbewusstes, Gefühle, Stellungnahme

PSYCHOTRAUMA – ZAHNTRAUMA
Existenzanalytische Beratung und Begleitung von Kindern
nach akutem Zahntrauma
GERLINDE EBELESEDER, KURT ALOIS EBELESEDER
Ziel des vorliegenden Beitrages ist es, erstmalig die Fachgebiete Logotherapie- Existenzanalyse und Zahntrauma zusammen zu führen, und das Individuum als gleichzeitig physisch und psychisch traumatisiert zu beschreiben. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Schutzmechanismen (Copingreaktionen) in der jeweiligen Grundmotivation liegen. Die phänomenologische Betrachtung soll es dem Behandler ermöglichen, Defizite bzw. deren Copings in einer der Grundmotivationen zu erkennen, und umgehend darauf einzugehen. Am Schluss bieten Fragen zur Selbstreflexion dem Behandler die Möglichkeit, seine eigene Reaktionsweise besser zu verstehen, eigene Ressourcen wahrzunehmen, und dadurch eventuell auch sein Herangehen zu ändern.
SCHLÜSSELWÖRTER: Trauma, Grundmotivationen, Copings

„ES MUSS DOCH ETWAS GEBEN,
WOFÜR ICH GEBOREN WURDE!“
IRINA EFIMOVA, MSC
In dem Artikel wird eine Analyse des Phänomens „Berufung“ mittels existenzanalytischer Anthropologie – Darstellung der Schritte in der praktischen Arbeit eines Psychologen – vorgestellt und in der Terminologie der Existenzanalyse das Entstehen einer doppelten Berufungsorientierung beschrieben: Die Dynamik entspricht der 4. Grundmotivation, welche die Tiefen des Geistigen in einer Person und den ontologischen Horizont des Universums kombiniert.
Es wird gezeigt, wie zwischen diesen Polen, aufgrund der Teilnahme des Gewissens, die Geburt einer einzelnen Absicht stattfindet. Die Anteile der Grundmotivationen werden hervorgehoben, die die Stärke der Berufung und ihre Ausmaße bestimmen. Basierend auf dem vorgeschlagenen Mechanismus werden Empfehlungen für Psychotherapie und Beratung zu verschiedenen Themen im Zusammenhang mit dem Thema Berufung und Fragen zur Vertiefung der Selbsterfahrung gegeben.
Schlüsselwörter: Berufung, Sinn, Wert, Gewissen, Grundmotivationen

„HILF MIR MEINE LAGE ZU ERTRAGEN“
Eine Falldarstellung
LIDIJA KUSTURICA
Störungsbilder des Autismus-Spektrums beschreiben Defizite im Bereich qualitativer Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, der Reaktionen auf Emotionen anderer Menschen, von emotionaler Gegenseitigkeit, Kommunikation und Sprache. Die folgenden Zeilen beschreiben die Begleitung eines Klienten in seiner großen Einsamkeit durch den Trauerprozess. Es wird über die Herausforderungen der Beziehungsgestaltung, der Interaktion und über die Begegnungen von Person zu Person berichtet.
SCHLÜSSELWÖRTER: Trauer, Begleitung, Autismus Spektrum

DIE UMSTELLUNG DER SCHAMGEBUNDENEN EINSTELLUNG
MICHAEL TITZE
Scham ist, intentional betrachtet, eine Sicherungstendenz, welche die personale Integrität behüten soll. Ihr Ursprung findet sich in einer affektiven Hemmung, die auf das schmerzliche Erleben eigener Lächerlichkeit zurückgeht. Aber im Gegensatz zur nahestehenden Angst folgt die Scham nicht dem Zweck physischer Selbsterhaltung. Sie soll vielmehr eine Beschädigung des Selbstwertgefühls verhüten. Viele Symptome, mit denen sich ein Patient in eine Psychotherapie einbringt, lassen sich auf verborgene Schamgefühle zurückführen. Wenn diese Symptome „paradoxer Weise“ bewusst angenommen bzw. verstärkt werden, kann sich die schamgebundene Einstellung des Patienten allmählich umstellen.
Schlüsselwörter: Scham, Schuldgefühle, Gelotophobie, Paradoxe Intention, therapeutischer Humor

DIE VERLETZTE SCHAM
Drei Arten des Sich-Schämens aus existenzanalytischer Perspektive
BARBARA GAWEL
Der Artikel befasst sich mit der Scham: mit dem Schutz der Person, der uns abgrenzt vom leidvollen Gefühl des Sich-Schämens und mit dem schamvollen Sprechen in der therapeutischen Beziehung.
Schamvolles Sprechen ist essenziell für das therapeutische Gespräch und die therapeutische Beziehung. Die persönliche Scham der Klientin bzw. des Klienten ist ein Wert, der in seiner Intimität und Kostbarkeit zu schützen ist. In der Praxis gilt es, dies zu bedenken, denn manchmal tritt das Thema der Scham auffällig in den Vordergrund. Mit solchen Situationen setzt sich dieser Artikel anhand von drei Falldarstellungen auseinander. Er verfolgt das Ziel, die Scham als schützendes menschliches Gefühl vorsichtig und schamvoll dorthin zu stellen, wo sie so ungern steht, nämlich in den Mittelpunkt der Betrachtung.
Schlüsselwörter: Existenzanalyse, Person, Scham, sich schämen, schamvolles Sprechen

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